„Es ist nie zu spät, sich zu entwickeln“

Nicole glaubt an sich

Abitur machen und studieren kam Nicole immer ziemlich abstrakt vor. Aus ihrer Familie kannte sie den klassischen Weg: Mittlere Reife und danach eine Ausbildung. Das ist sicher - und greifbar. Heute steckt die 30-Jährige ausgebildete Ergotherapeutin in den letzten Zügen ihres Bachelor-Studiums Gesundheits- und Sozialmanagement an der FOM in München – der Master könnte folgen. Ganz anders als ursprünglich gedacht. Wer hätte auch gedacht, dass man nicht unbedingt Abitur braucht, um eine akademische Karriere einzuschlagen. Dass auch kleine Umwege ans Ziel führen. Und, dass die eigene Entwicklung am Ende hauptsächlich von einer einzigen Person abhängt: dir selbst.

„Ich komme nicht aus einer Akademiker-Familie – Abitur oder Studium waren für mich daher immer sehr abstrakte Begriffe, mit denen ich nicht viel anfangen konnte“, erinnert sich Nicole an ihre Schulzeit. „Ich hatte zwar ganz gute Noten und hätte auch aufs Gymnasium gehen können – meine Eltern haben mich aber nie unter Druck gesetzt, was das anging. Ich habe mich dann aber für die Mittlere Reife und eine Ausbildung entschieden – einfach, weil es das Nächstliegende für mich war. Vor dem Abschluss habe ich verschiedene Praktika ausprobiert und fand den Bereich Ergotherapie sehr spannend. Mir hat gleich gefallen, dass die Aktivität im Vordergrund steht und nicht die Funktion: Man arbeitet gemeinsam mit Menschen auf ein bestimmtes Ergebnis hin und unterstützt sie dabei es zu erreichen. Um an der staatlichen Ergotherapie-Schule genommen zu werden – die private kam nicht in Frage – hatte man bessere Chancen, wenn man schon eine abgeschlossene Ausbildung vorweisen konnte. Daher habe ich nach der Realschule erstmal Arzthelferin gelernt – mit verkürzter Ausbildungszeit und immer mit meinem eigentlichen Ziel im Blick.“

Schließt sich eine Türe – öffnet sich dafür eine andere

Seit acht Jahren ist Nicole nun als ausgebildete Ergotherapeutin tätig. Sie arbeitet vorwiegend mit Menschen zusammen, die nach einem Unfall, einem Schlaganfall oder einer sonstigen Krankheit unter Schädel-Hirnverletzungen leiden und viele Dinge wieder neu erlernen müssen. Die meisten ihrer Patienten sind erst zwischen 20 und 50 Jahren alt und waren vor dem Unfall oder der Krankheit voll berufstätig bzw. in einer Ausbildung. Sie hilft den Betroffenen dabei wieder „teilzuhaben“: an bestimmten Aktivitäten, am Berufsleben, an der Gesellschaft. Nicole begleitet den kompletten Prozess der beruflichen Reha. Nicht immer läuft das problemlos. „Je nach Schwere und Komplexität der Verletzung, kann man leider nicht immer wieder den Ausgangszustand herstellen – was sich natürlich die meisten meiner Patienten erhoffen. Ist zu viel kaputt gegangen, kann es auf dem Arbeitsmarkt schwierig werden. Eine Hirnverletzung ist etwas anderes als z.B. einfach „nur“ nicht mehr laufen zu können.“

Ob sie es als Niederlage empfindet, wenn die Eingliederung in den alten Job nicht gelingt? „Nicht unbedingt“, sagt Nicole. „Ich versuche den Menschen immer zu vermitteln, dass sich durch so einen Schicksalsschlag zwar einige Türen schließen – sich dafür aber andere öffnen können. Man kann vielleicht nicht mehr die alte Position ausüben – aber vielleicht etwas Neues. Das Leben zeigt nochmal völlig neue Facetten – und das kann auch etwas Schönes sein. Aber natürlich ist es frustrierend, wenn man den Menschen nicht so helfen kann, wie sie es sich vorgestellt haben. Oft ist die größte Hilfe aber tatsächlich schon sie bei dem Prozess zu begleiten – das höre ich auch immer wieder von Angehörigen.“

 „Ich empfinde meinen Beruf als sehr erdend“

 

Wer täglich mit schwierigen Schicksalen konfrontiert ist, muss sich gut abgrenzen. Das gelingt Nicole meistens ganz gut. „Man relativiert sehr vieles im eigenen Leben, wenn man täglich vor Augen hat, wie schnell etwas passieren kann, das einen völlig aus der Bahn wirft und einmal alles auf den Kopf stellt. Man regt sich nicht mehr so schnell über Kleinigkeiten auf. Und man verteilt seine Energie und Prioritäten sehr viel bedachter.“ Eine der Prioritäten, die Nicole für sich gesetzt hat, ist ihr akademischer Abschluss. Die 30-Jährige studiert Gesundheits- und Sozialmanagement im siebten Semester an der FOM in München und hat vor kurzem ihre Bachelor-Thesis abgegeben. Wie kam es zu dem Wunsch doch noch zu studieren? „Während meiner Arbeit bin ich immer wieder auf die Frage gestoßen: ‚Hätte man die eine oder andere Erkrankung vielleicht verhindern können? Die meisten Firmen sind sehr engagiert, was den Prozess der Wiedereingliederung eines Mitarbeiters angeht. Was die Prävention – insbesondere von Schlaganfällen – angeht, gibt es aber sicherlich einiges, was noch verbessert werden kann. In der heutigen Zeit, in der Arbeit und Privates immer mehr ineinander übergehen, halte ich es für wichtig den Arbeitgeber mehr in die Pflicht zu nehmen und auch vorbeugend aktiv zu werden. Nach meinem Abschluss möchte ich daher im Betrieblichen Gesundheitsmanagement arbeiten und durch meine Erfahrung helfen, die Dinge aktiv voranzutreiben.“

Wer anderen viel gibt, muss auf sich selbst gut achten

 

Nicole treibt regelmäßig Sport: Früher war es Fußball – heute führt der Weg sie zeitbedingt meistens ins Fitnessstudio oder in den Wald zum Laufen. Das Handy lässt sie dabei zuhause. „Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung durch meinen Partner, meine Familie und meine Freunde – das hat so manche schwierige Situation leichter gemacht.“ Nicole genießt den Austausch, lässt bestimmte Themen aber auch bewusst ruhen, um sich davon zu distanzieren und die Gedanken auf etwas anderes zu lenken. Auch Reisen steht ganz oben auf ihrer Liste an Lieblingsaktivitäten. „Manchmal braucht man einfach einen Tapetenwechsel. Raus in eine andere Stadt oder ein anderes Land, etwas Neues sehen, sich neue Inspirationen holen.“ Viele neue Sinneseindrücke wird sie mit Sicherheit auch in Neuseeland sammeln können: Nach ihrem Studium wird Nicole dort ein zweimonatiges Praktikum in ihrem Wunschbereich machen: im Betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Drei Fragen an Nicole

1. Was würdest du genau so wieder machen?

Einfach loslegen. Manche Risiken muss man einfach eingehen. Ich bin davon überzeugt, dass man so ziemlich alles schaffen kann, wenn man sein Ziel fest im Auge behält und auf sich vertraut. Wichtig ist, dass man es will und es angeht – die Wege entstehen dann im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten.

2. Was würdest du auf jeden Fall anders machen?

Ich glaube, dass man zu gewissen Zeitpunkten im Leben bestimmte Entscheidungen aus ganz bestimmten Gründen trifft. Wenn sich die Entscheidung in diesem Moment richtig angefühlt hat, dann war sie es auch.

3. Was sind deine drei Gründe für ein Studium an der FOM?

Mir war wichtig, dass es ein Präsenzstudium ist. Ich weiß von mir selbst, dass ich besser lerne, wenn ich den direkten Kontakt zu Dozenten und Mitstudierenden habe. Zwei meiner Kommilitoninnen sind mittlerweile gute Freundinnen geworden – wir unterstützen uns gegenseitig und das hilft ungemein.

Da das Studium berufsbegleitend möglich ist, musste ich meine Arbeitszeiten nicht großartig ändern.

Die FOM genießt einen guten Ruf. Die Hochschule ist breit aufgestellt und gut vernetzt. Die Abschlüsse sind staatlich anerkannt – das war mir wichtig.

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